Der Autor Professor Dr. Klaus Klemm ist einer der bekanntesten Bildungsökonomen Deutschlands und Professor emeritus der Universität Duisburg/Essen. Die in diesem Beitrag genannten aktualisierten
Daten und Befunde sind ausführlich dokumentiert und belegt in den drei Studien, die Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellte. Sie sind unter den folgenden Titeln erschienen: Klassen-
wiederholungen – teuer und unwirksam (Gütersloh 2009); Sonderweg Förderschulen: hoher Einsatz, wenig Perspektiven (Gütersloh 2009); Ausgaben für Nachhilfe – teurer und unfairer Ausgleich für fehlende individuelle Förderung (Gütersloh 2010).
Der Beitrag erschien im Bulletin des Deutschen Jugendinstituts, 2/2010, Heft 90: Die soziale Seite der Bildung. Wie benachteiligte Kinder und Jugendliche in Deutschland gefördert werden – und welche Konzepte zukunftsfähig sind. Eine Analyse anlässlich der Prognosen im Nationalen Bildungsbericht 2010.
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Wenn es aussagefähige Indikatoren für eine fehlende Förderung in Deutschlands Schulen gibt, so sind es die Quoten von Klassenwiederholungen, der Anteil von Schülerinnen und Schülern, die in separaten Förderschulen lernen, sowie – nicht zuletzt – das Ausmaß privat finanzierter Nachhilfe. Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung sind deshalb in den Jahren 2009 und 2010 drei Studien entstanden, welche die Situation in den Schulen auf der Basis von internationalen und nationalen Daten differenziert beschreiben.
Sitzenbleiben ist pädagogisch unsinnig
Alle verfügbaren und bei einer methodenkritischen Überprüfung belastbaren empirischen Studien zeigen, dass Klassenwiederholungen mit Blick auf die Kompetenzentwicklung weder für leistungsschwache noch für leistungsstärkere Schülerinnen und Schüler förderlich sind. Wie anders wäre es erklärbar, dass mit Baden-Württemberg und Bayern zwei Bundesländer, die in internationalen Studien leistungsmäßig in etwa gleich stark sind, mit ihren Wiederholer-Quoten im innerdeutschen Ländervergleich sowohl an der Spitze (Bayern: 3,2 Prozent der Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen) als auch am Ende (Baden-Württemberg: 1,4 Prozent) liegen?
Gleichwohl nimmt das »Sitzenbleiben« im deutschen Schulalltag nach wie vor einen breiten Raum ein. Im Schuljahr 2008/09 blieben etwa 184.000 Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen sitzen. Das entspricht einem Anteil von 2,2 Prozent. Die Bedeutung von Klassenwiederholungen für den Schulalltag wird aber erst deutlich, wenn an Stelle der Quoten der Wiederholungen eines Jahres jene Quoten betrachtet werden, die angeben, wie hoch der Anteil der Schülerinnen und Schüler ist, die bis zum Ende der Pflichtschulzeit im allgemeinbildenden Schulwesen mindestens einmal eine Klasse wiederholt haben: Ausweislich der PISA-Studie 2003 waren dies mit 23,1 Prozent nahezu ein Viertel aller 15-Jährigen.
Die sehr verbreitete, von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich genutzte und – was die Zielsetzung der Leistungssteigerung angeht – weitgehend unwirksame Maßnahme des Klassenwiederholens verursacht in Deutschland Jahr für Jahr Ausgaben mit einem Gesamtvolumen von etwa 0,8 Milliarden Euro.
Eine Schulart, die wenig Perspektiven bietet
Die noch weit härtere Variante des »Wegschickens« von Kindern und Jugendlichen, die den Leistungsanforderungen einer Klasse oder auch einer Schulart nicht gerecht zu werden scheinen, ist die Überweisung in die Förderschule. Zwar trägt die frühere Sonderschule heute als einzige Schulart den Förderauftrag im Namen, doch diesem Anspruch wird sie kaum gerecht.
Denn Förderschülerinnen und -schüler schaffen in ihrer Mehrheit nicht die Rückkehr in eine Regelschule. Auch erreichten von den Absolventinnen und Absolventen der Förderschulen 2008/09 76,3 Prozent keinen Hauptschulabschluss.
Wie nationale und internationale Studien belegen, ist das Förderpotenzial von Förderschulen besonders gering. Oft fehlen den Schülerinnen und Schülern die Anregungen für bessere Leistungen, weil es in den Klassen an Vorbildern mangelt.
Förderschulen sind in vielen anderen Staaten unbekannt oder nur wenig verbreitet. Im EU-Durchschnitt lernen mehr als 70 Prozent der Kinder mit Behinderung an einer ganz normalen Schule. In Deutschland werden dagegen 393.500 Schüerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf in eigens für sie betriebenen Schulen unterrichtet; lediglich etwa 88.900 werden in den Regelschulen integrativ unterrichtet.
Die Diagnose über die Notwendigkeit einer sonderpädagogischen Förderung füllt in den Bundesländern erstaunlich unterschiedlich aus: Im Schuljahr 2008/09 wurden in Deutschland 6 Prozent der Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen eins bis zehn sonderpädagogisch betreut – in Förderschulen oder in allgemeinen Schulen. In Mecklenburg-Vorpommern waren es 11,7 Prozent, in Rheinland-Pfalz dagegen nur 4,3 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, in Mecklenburg- Vorpommern in Förderschulen oder in allgemeinen Schulen als Schüler oder Schülerin mit besonderem Förderbedarf idenifiziert zu werden, ist damit 2,5-fach höher als in Rheinland-Pfalz.
Wenngleich die Unterrichtung von Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf in getrennten Schulen wenig zielführend ist, erfordert sie hohe Ausgaben. Für die knapp 400.000 Schülerinnen und Schüler, die im Schuljahr 2007/08 in Deutschland ihren Unterricht separiert in Förderschulen erhielten, gaben die Bundesländer allein für zusätzliches Lehrpersonal etwa 2,6 Milliarden Euro aus.
Nachhilfeunterricht – eine teure Alternative
Von den Defiziten bei der individuellen Förderung von Schülerinnen und Schülern in Deutschland lebt der Markt für Nachhilfeunterricht. Bundesweit erhalten etwa 1,05 Millionen der Kinder und Jugendlichen Nachhilfeunterricht – etwa ein Viertel von ihnen in dafür privatwirtschaftlich betriebenen Institutionen und die übrigen drei Viertel von Lehrpersonal, von Studierenden oder von Schülerinnen und Schülern.
Bemerkenswert ist, dass Nachhilfeunterricht nicht nur von Leistungsschwachen in Anspruch genommen wird, sondern auch von Kindern und Jugendlichen, die im mittleren und oberen Notenspektrum liegen. Viele wollen durch den Nachhilfe unterricht ihre Aussichten auf den Übertritt an eine höhere weiterführende Schule, auf eine gute berufliche Ausbildung oder auf einen Studienplatz verbessern.
Deutschlandweit summieren sich die finanziellen Mittel, die für Nachhilfeunterricht jährlich aufgewendet werden, auf etwa 930 bis 1.450 Millionen Euro, wobei der erste Wert eine konservative Schätzung darstellt und somit als Untergrenze und der zweite Wert als Obergrenze interpretiert werden kann.
Die Inanspruchnahme von Nachhilfe mag für den einzelnen Schüler oder die einzelne Schülerin effektiv sein, grundsätzlich aber muss der so stark verbreitete Nachhilfeunterricht als Mahnung verstanden werden: als Mahnung an den Staat, dass das öffentliche Bildungssystem allen Heranwachsenden einen Schulerfolg ermöglichen muss – zumal ein Großteil der Familien den zusätzlichen Nachhilfeunterricht nicht privat zu finanzieren vermag.
Intelligent in Bildung investieren
Die zusammengetragenen Belege nicht hinreichender Förderung an Schulen in Deutschland enthalten zugleich auch Hinweise zur Abhilfe. Wenn es einem Bundesland wie Baden-Württemberg gelingt, mit einer Wiederholer-Quote von »nur« 1,4 Prozent Schulleistungen zu erzielen, die im innerdeutschen Vergleich im Spitzenbereich liegen, könnte die Förderpraxis dort zum Vorbild für andere Bundesländer werden. An-
statt für Klassenwiederholungen jährlich bundesweit etwa 800.000 Millionen Euro auszugeben, sollten diese Mittel präventiv für individuelle Förderung und zur Vermeidung von Klassenwiederholungen eingesetzt werden. Immerhin würde diese Ausgaben für die Beschäftigung von 12.000 zusätzliche Lehrkräften ausreichen.
Gleichzeitig sollten die positiven internationalen und nationalen Beispiele, wie Kinder und Jugendliche mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf von einem gemeinsamen Unterricht profitieren können, Antrieb und Ermutigung sein, die 2,6 Milliarden Euro, die derzeit für separate Förderschule zusätzlich aufgewendet werden, für integrative Unterrichtung (Inklusion) einzusetzen – zumal sich die Bundesrepublik durch die Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen dazu verpflichtet hat, alle Schülerinnen und Schülern den Zugang zu den allgemeinen
Schulen zu ermöglichen.
Die Tatsache, dass privat finanzierter Nachhilfeunterricht Kindern aus sozioökonomisch benachteiligten Familien individuelle Förderung vorenthält, sollte Ansporn für den Ausbau ganztägiger Schulangebote sein. Denn Ganztagsschulen können ein »Zeitgefäß« sein, innerhalb dessen individuelle Förderung weitaus besser möglich wird.
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Förderung: mangelhaft
1922 wurde Gerdrut Bäumler als erste deutsche Ministerialrätin in die kulturpolitische Abteilung des Reichsinnenministeriums berufen und leitet nun das Schulreferat sowie die Jugendwohlfahrt. Frau Bäumler reformierte damals das Bildungssystem und teilte es in drei große Bereiche auf: Schule, Elternhaus und außerschulische Bildung (damals Jugendwohlfahrt). Seitdem gehen diese drei Bereiche weitestgehend unberührt voneinander ihre pädagogischen Wege. In den letzten Jahren erkannten wir, dass diese Trennung nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Die Schulpädagogik, als Krönung gekürt, gibt dennoch maßgeblich den Takt an, jedoch resultieren aus ihr leider keine wesentlichen reformerischen Ideen mehr. Es sind die Pädagogen der außerschulischen Bildung, die sich immer mehr um ein Voranschreiten der Pädagogik bemühen. So müssen wir heute feststellen, dass sich die Schulpädagogik zwar etabliert hat (dies drückt sich in der beruflichen Position aus), sie aber anscheinend nicht in der Lage ist, aus ihrer Profession heraus wesentliche Prozesse bei der Erneuerung im Schul- und Bildungssystem zu entwickeln. Mit einem Blick auf das Studium wird auch schnell klar warum dies so ist. Pädagogik, Didaktik und die Sozialwissenschaften spielen hier eine eher nebensächliche Rolle. Im Gegenteil, die Lehrer die in den Sozialwissenschaften am wenigsten Studieninhalte vermittelt bekommen, gelten im Schulsystem als die Besten oder warum sonst werden Lehrer an Gymnasien ungleich besser bezahlt als ihrer Kollegen an Grundschulen? Noch auffälliger ist das Gefälle unter den Pädagogen. Vergleichen wir den Lehrerberuf und seine geldliche Werteinteilung mit den Pädagogen in der außerschulischen Bildung. Die Pädagogen der außerschulischen Bildung beschäftigen sich mit den Fällen, die das Bildungssystem der Schule nicht auffangen konnte und sind somit mit den herausforderndsten beruflichen Situationen der Pädagogik konfrontiert. Wird diese von der Gesellschaft honoriert? Nein! Pädagogen der außerschulischen Bildung finden sich oft in prekären Arbeitsverhältnissen wieder. Dies zeigt sich darin, dass wir Pädagogen fast nur noch mit Jahresverträgen ausgestattet werden und die Nettogehälter bei vielen Bildungsträgern teilweise unter 1300 Euro im Monat liegen. Häufig wechselnde Anstellungsträger oder sogar AGH Maßnahmen der Agenturen, das sind die beruflichen Perspektiven, die wir als Gesellschaft unseren Pädagogen bieten. Wir müssen also erkennen, dass die einen zu bequem für reformerisches Handeln sind und die anderen keine wirkliche Anerkennung erfahren, als dass sie sich aufmachen könnten uns aus dem Dilemma zu befreien.
Warum ich soweit aushole? Weil wir uns als Gesellschaft endlich einmal klar über die Folgen werden müssen. Wir müssen uns vor Augen halten was es bedeutet, wenn wir auch nur ein Kind, nur einen Jugendlichen nicht richtig unterstützen. Die Alterspyramide zeigt auf: Kinder sind unsere sehr rare Zukunft. Wir sind eine Wissensgesellschaft und wir können es uns nicht leisten auch nur ein Kind zu vernachlässigen oder schlecht zu bilden. Aber solange wir lieber Menschen hoch bezahlen, die uns durch Spekulationen und halb legale Machenschaften versprechen unser Geld zu vermehren und solange wir lieber den Primaten der Mathematik und damit der Betriebswirtschaft folgen und unsere Wurzeln der Geisteswissenschaften mit prekären Arbeitsverhältnissen abspeisen, können wir nicht erwarten, dass wir ein wirklich professionelles Bildungssystem auf dem Kenntnisstand der neuesten wissenschaftlichen Errungenschaften erhalten.
Was wir als erstes brauchen ist eine Aufhebung der Trennung unseres Bildungssystems von 1920. Die Schule muss sich öffnen für die Ideen und Methoden der außerschulischen Bildung und die außerschulische Bildung muss endlich die Anerkennung erfahren, die sie verdient. Wir brauchen Ideen wie wir Eltern mit ins Boot nehmen können. Es glaubt doch keiner ernsthaft, dass Schule besser wird, nur weil wir sie jetzt auf einen ganzen Tag ausdehnen. Genauso ist es mit der Integration. Es kann doch keiner glauben, dass Integration bedeutet, wir setzen jetzt Förderschüler in eine „normale Klasse“ einfach dazu und schon klappt es. Hierzu gehört ein professionelles Konzept mit vernünftiger Personalbesetzung und einem zeitlichen Budget für Integrationsmaßnahmen. Die PISA- und OECD-Studien zu Schule und Unterricht haben deutlich gezeigt, dass es mit kleineren Korrekturen am deutschen Bildungssystem nicht getan ist. Was wir brauchen ist eine grundständige Reform des Bildungssystems und in diesem Zusammenhang meine ich eine Reform des gesamten Bildungssystems (Schule, Elternhaus und außerschulische Bildung). Schule muss wieder ein Ort des „Ganzheitlichen Lernens“ werden und nicht nur eine Selektionsinstanz mit Inhaltsvermittlung.
Als Buch möchte ich hierzu folgendes empfehlen:
Reinhard Voß: Wir erfinden Schulen neu: Lernzentrierte Pädagogik in Schule und Lehrerbildung
Freundschaft
Der Klee